Nordfels GmbH (ehemals Hammerschmid Maschinenbau) - eine Fabrik für Persönlichkeitsentwicklung

  • „Wir sind eine Fabrik für Persönlichkeitsentwicklung“, beschreibt Unternehmensgründer Hans Hammerschmid freudig lachend seine Maschinenbaufirma im oberösterreichischen Bad Leonfelden. Da wundert es nicht, dass man bereits beim ersten Besuch auf dem Schreibtisch des umtriebig wirkenden Tüftlers ein Buch von Ricardo Semler findet, der durch die radikale Demokratisierung des Unternehmens Semco bekannt wurde. Unter seiner Leitung stieg der Umsatz zwanzig Jahre lang um jährlich über zwanzig Prozent. Der brasilianische Geschäftsmann gilt vielen Firmenchefs rund um die Welt als Vorbild. Die Lektüre hat wohl verfangen bei Hans Hammerschmid: er möchte sein Unternehmen in nächster Zukunft noch mehr demokratisieren als bisher schon. Bereits heute herrscht in der Hammerschmid GmbH eine Unternehmenskultur, innerhalb derer besondereren Wert auf die Entwicklung jedes einzelnen Mitarbeiters gelegt wird. „Uns ist die langfristige Motivation wichtiger als die kurzfristige Effizienzsteigerung“, erzählt Edi Jenner-Braunschmied – einer der beiden neuen Geschäftsführer. Das Gründungs-Duo Hans Hammerschmid und Ludwig Mülleder hält sich inzwischen aus dem Tagesgeschäft weitestgehend heraus und kümmert sich stattdessen um jene strategischen Projekte, die ihnen besonders gefallen. Damit nehmen sie ein Recht in Anspruch, das für die gesamte Belegschaft gilt: Jeder Mitarbeiter kann sich seine Tätigkeit entsprechend der eigenen Stärken zurechtschneidern. [size=22]VERTRAUENSKULTUR[/size] „In den ersten Jahren war es faszinierend für mich zu sehen, wie Hans Hammerschmid uns mit Vertrauen überschüttet hat. Jetzt verstehe ich erst, warum er das tat“, verrät Martin Reingruber – einer der beiden Geschäftsführer, die im Jahr 2008 das operative Steuer übernommen haben. „Ich habe in meiner Rolle als Chef erst lernen müssen, meinen Mitarbeitern dermaßen zu vertrauen. In meiner Schulzeit haben meine Lehrer diese Fähigkeit nicht gefördert.“ Ein besonderes Projekt des Unternehmens zeigt exemplarisch, wie diese Vertrauenskultur aussieht. Das Kerngeschäft besteht aus klassischen B2B-Aufträgen anderer Geschäftskunden. Vor einigen Jahren begann die Hammerschmid GmbH die Entwicklung eines ersten Endkundenprodukts: das Elektromotorrad „biiista“, das im Jahr 2012 vorgestellt wurde. Ein Großteil der Entwicklung stammt dabei von dem 25-jährigen Absolventen einer höheren technischen Lehranstalt, Georg Hochreiter, der seit 2008 Mitarbeiter der Hammerschmid Maschinenbau GmbH und seit 2011 in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des biiista tätig ist. Gründer Hans Hammerschmid überließ Hochreiter recht schnell die technische Konzeption. „Hans hat mir vertraut und mir die Verantwortung übergeben – es war so, als wäre ein Motor in mir eingeschaltet worden“, schildert Hochreiter. „Während meine Freunde nach der Arbeit schnell abschalten, nehme ich mir daheim regelmäßig noch Papier und Stift, weil mir irgendwelche Einfälle kommen – ich fühle mich oft noch mit meiner Arbeit verbunden, selbst wenn ich nicht mehr in der Firma bin.“ „Die künstliche Distanz, die Führungskräfte bei meinen früheren Arbeitgebern geschaffen haben, gibt es hier nicht“, erzählt Pia-Maria Maier, die kürzlich auch zum biiista-Team stieß und die Verkaufsleitung verantwortet. Besonders schön ist es zu sehen, dass wenn Fehler gemacht werden, Verständnis gezeigt wird und man gemeinsam versucht daraus zu lernen“ Die Hammerschmid GmbH ist spezialisiert auf Sondermaschinen. Nicht nur das Elektromotorrad sondern tatsächlich jedes einzelne Produkt ist eine Neuentwicklung und dafür braucht das Unternehmen das kreative Potential seiner Mitarbeiter. „Fehler werden dabei immer gemacht – aber ohne Fehler lernt man nicht. Ich vertraue meiner Belegschaft“, teilt Gründer Hammerschmid mit. „Man braucht mir beispielsweise keine Krankenscheine zu zeigen – wenn ein Mitarbeiter sagt, er sei krank, dann glaube ich ihm. Ein Papier vom Arzt ist überflüssig.“ Durch das grosse Vertrauen, das Hammerschmid seinen Mitarbeitern schenkt, wirkt er subtil auf deren eigene Überzeugungen ein. Gerade neue oder junge Mitarbeiter neigen dazu, sich zu fragen „Bin ich gut genug? Kann ich das überhaupt?“. Diese kleinen Zweifel können die Entfaltung eigener Potentiale und das Verhalten limitieren. Hans Hammerschmid hebelt diese Zweifel durch sein Vertrauen und durch seinen Glauben an seine Mitarbeiter aus. Das Phänomen ist wohlbekannt aus der Resilienzforschung: Glaubt ein anderer fest an mich, kann sich auch mein eigener Glauben an mich verfestigen. Das Resultat: Menschen beginnen die eigenen Potentiale besser zu entfalten und wachsen über sich hinaus. [size=22]GESTALTUNGSSPIELRAUM[/size] Trotz all dieser Errungenschaften wünscht sich Hans Hammerschmid für sein Unternehmen noch mehr Demokratie. Bei der strategischen Entscheidung, in den Endkundenbereich zu expandieren und ein Elektromotorrad zu bauen, haben die beiden Firmengründer damit bereits begonnen. Bei der Gestaltung der Zukunft des Unternehmens haben die die Mitarbeiter immer wieder aktiv einbezogen. Immerhin bedeutete diese Entscheidung, dass eine Menge finanzieller Ressourcen gebunden würden – die Hammerschmid GmbH wollte die Motorradentwicklung aus dem Cash-Flow finanzieren. Die Belegschaft unterstütze die Entscheidung des Gründungsduos für das Elektromotorrad und gegen mögliche größere Gehaltssprünge. Dafür – das wussten sie – würden sie eine Menge Spass bei der Entwicklung haben und sich langfristig durch diesen Wissensvorsprung als Unternehmen interessanter machen. Doch auch im Kleinen wird Gestaltungsspielraum groß geschrieben. „Jeder kann sich hier seine Tätigkeit zurechtschneidern und genau das machen, was er will“, erzählt ein junger Mitarbeiter. „Ich habe mich jahrelang in der Schule mit Dingen beschäftigen müssen, die mich nicht interessiert haben“, erzählt ein anderer Mitarbeiter. „Das, was mir gefiel, musste ich damals immer links liegen lassen.“ Auch die Lehrlinge können bereits während der Ausbildung innerhalb des Unternehmens in die Bereiche wechseln, die sie besonders interessieren. Einer der wesentlichen Sätze, die Bewerber im ersten Gespräch hören, ist: „Sie dürfen nicht nur, sondern sie müssen sich bei uns einbringen. Wir wollen hier sehr freie Menschen haben. Das bedeutet aber auch, dass sie hier sehr schnell eine Menge Verantwortung bekommen“. Manche Bewerber schreckt diese Perspektive vor einer Mitarbeit ab. Andere merken erst später, dass zu viel Freiheit sie überfordert – und verlassen das Unternehmen wieder. Die meisten Interessenten wissen jedoch schon im Vorfeld, was sie bei dem Maschinenbauer erwartet und bringen sich begeistert ein. Es scheint sich für das Unternehmen immer wieder zu lohnen, den Mitarbeitern hohen Gestaltungsspielraum zu geben. Als beispielsweise in den frühen Jahren die Werkhalle erweitert werden musste, stellten die Gründer einen Holzbau-Spezialisten ein und liessen ihm freie Hand. Der neue Mitarbeiter tüftelte eine Zeit lang und baute schliesslich eine 1300 Quadratmeter-Halle zur Hälfte des Marktpreises. Der Energieverbrauch des riesigen Gebäudes liegt bei dem eines Einfamilienhauses und die Isolation ist unschlagbar: Wenn im Winter die Heizung ausfällt, merken die Beschäftigten erst nach drei Tagen, dass es kühler wird. [size=22]ENTWICKLUNG AUF ALLEN EBENEN[/size] „Nach einigen Jahren der Selbstständigkeit haben wir gesehen, wie rasant wir uns selbst als Menschen entwickelt haben. Genau das wünsche ich mir für alle im Unternehmen“, so Hans Hammerschmid. Vor einigen Jahren hatte ein Mitarbeiter eine sehr anspruchsvolle Maschine entworfen – fast jedes Produkt der Hammerschmid GmbH ist eine Neukonstruktion. Der Kunde war begeistert und stellte nach Lieferung einen weiteren, ähnlichen Auftrag in Aussicht. Auf dem Heimweg vom Kunden sagte der verantwortliche Konstrukteur im Scherz zu Hans Hammerschmid. „Das freut mich jetzt aber nicht besonders“. Obwohl sie sich natürlich um den Auftrag bemühten, lag schon ein Funken Wahrheit lag in der Aussage, denn die Wiederholung des Gleichen war damals schon nicht besonders erstrebenswert für das Unternehmen und seine Mitarbeiter. „Wir haben bisher immer nur Aufträge angenommen, die uns gefielen“, erzählt sein Partner Ludwig Mülleder, der neben dem kreativen Kopf Hans Hammerschmid eher die Rolle des kritischen, überlegten Skeptikers einnimmt. „Ich erinnere mich jedoch auch, dass ich in den Anfangsjahren so manch schlaflose Nacht hatte. Manchmal wusste ich nicht, wovon wir im nächsten Monat die Gehälter bezahlen sollten.“ „Ich habe die Illusion aufgegeben, dass man Umsätze planen kann“, ergänzt Hammerschmid. „Man kann nur dafür sorgen, dass man seine Sache so gut wie möglich macht. Wenn wir mal wieder weniger Aufträgen haben, lassen wir unsere Mitarbeiter an neuen Ideen tüfteln und Dinge entwickeln, die wir später noch brauchen könnten.“ Die Mitarbeiter und die Eigentümer lassen so viel Kapital wie möglich im Unternehmen. Indem in neue Ideen und Werkzeuge investiert wird, kann Wissen und Erfahrung beständig weiterentwickelt und viel experimentiert werden. Die dabei entstehende Kompetenz hilft, zukünftige Aufträge zu sichern. Die meisten Kunden kommen inzwischen durch frühere positive Erfahrungen oder Empfehlungen auf die Maschinenbauer zu. „Viele Unternehmen sehen die verborgene wirtschaftliche Kraft nicht, die in jungen Mitarbeitern steckt. Mein persönliches Anliegen ist es, dass sich diese Menschen bei uns bestmöglich einbringen können. Das macht mir einfach wahnsinnig Spaß zu sehen, mit was für Ideen sie dann kommen. Und ich glaube einfach daran, dass sich das für unser Unternehmen mehrfach auszahlt, wenn wir die Entwicklung der Menschen in den Mittelpunkt stellen“. „Auch wenn es strategisch sinnvoll ist – manchmal habe ich das Gefühl, dass das biiista-Projekt von unseren Gründern nur ins Leben gerufen wurde, damit sich die Mitarbeiter daran austoben und sich entwickeln können“, verrät Ex-Organisationsentwicklerin Pia Maria Maier. Die Strahlkraft und Freude der Belegschaft an der Arbeit überträgt sich scheinbar in die kreative Lösungsfindung für die neuen Produkte und in den Aussenauftritt gegenüber den Kunden. „Ich lobe meine Mitarbeiter ja nicht explizit – aber unsere Kunden sagen meinen Jungs schon oft, dass sie der Wahnsinn sind“, schliesst Hans Hammerschmid in wunderbar oberösterreichischen Akzent. Quelle: [url]http://kulturwandel.org/project/hammerschmid-maschinenbau/[/url]

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